EDGE OF TOMORROW: Eine Reise durch die Filmgeschichte

by cinemaclaco

Dies sei vorausgeschickt: Ich bin kein Fan von Tom Cruise und auch noch nie gewesen, aber in EDGE OF TOMORROW hat er mich dann doch überzeugt. Warum? Weil er in der ersten viertel Stunde dieses Puzzlefilms eine Hommage u.a. an Buster Keaton in COLLEGE und Charles Chaplin in SHOULDER ARMS erweist. Doch noch mal zurück gespult: Worum geht es in EDGE OF TOMORROW, was ist ein Puzzlefilm und warum die Referenzen.

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EDGE OF TOMORROW ist ein Sci-Fi-Film der, welch Überraschung, in der näheren Zukunft spielt. Die Erde ist diesmal von intelligenten, aber aggressiven, die Zeit manipulierenden Aliens angegriffen worden. Cage (Tom Cruise), der Held des Filmes, erlangt im Kampfeinsatz zufällig eben diese Gabe, also die Zeit zu manipulieren, und ist von da an verurteilt ein und den selben Tag immer wieder zu durchleben. Klingt vertraut? Dieser Handlungsstrang erinnert stark an … UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER – GROUNDHOG DAY und hat sogar die gleiche Funktion. Dadurch, dass Cage immer und immer das gleiche Geschehen in leichten Nuancen erlebt, reift er von einem egoistischen, latent feigen Menschen zu einem, der Verantwortung übernimmt, umsichtig und sogar humorvoll agiert und letztendlich nahezu im Alleingang die Aliens und ihr ausgetüfteltes Zeitkonzept besiegt.

Was ein Puzzlefilm ist, wird von Warren Buckland sehr konzise und mit vielen Beispielen in diesem Buch erklärt. Kurz zusammengefasst, ist es eine Erzählstrategie postmoderner Filme, die von Computerspielen beeinflusst ist und ihren Protagonisten die Möglichkeit eines sog. ‚Second Lifes‘ gibt als auch die Handlung in verschiedenen Varianten mit leichten Veränderungen durchspielt. Beispiele wären GROUNDHOG DAY, MEMENTO, LOLA RENNT oder auch SOURCE CODE.

Das interessante an EDGE OF TOMORROW ist wie bereits angedeutet, dass er nicht nur seinen Hauptprotagonisten durch die Zeit reisen lässt, sondern auch eine kleine Reise durch die Filmgeschichte unternimmt. So tragen die Soldaten Anzüge,  die optisch an die Kampfschränke in Camerons Epos AVATAR erinnern.

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Tom Cruise lässt zudem in der leicht unbeholfenen Art wie er seinen allerersten Kriegseinsatz in einem solchem Schrank durchlebt an Chaplins Abenteuer in oben genannten Antikriegsfilm denken als auch an Buster Keaton, welcher in COLLEGE einen Bücherwurm spielt, der über sich hinauswächst und sich zur Sportskanone entwickelt.

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Natürlich könnte man auch jeden anderen guten Slapstickfilm als Referenz heranziehen. Der Vergleichspunkt liegt hier auch eher in der Art wie die Körper der Schauspieler eingesetzt werden. Eine von dem französischen Philosophen Henri Bergson in den 1920er Jahren entwickelte Humortheorie besagt, dass jener Mensch komisch wirkt, der nicht lebendig agiert, sondern in seiner Bewegung an Mechanik erinnert.

Fazit: Der Film lohnt sich also besonders für die erste komische viertel Stunde und entwickelt danach eine spannende Dynamik, bietet Möglichkeiten zum Puzzeln, ist sehenswert und  … Tom Cruise guckt sich dann irgendwie doch weg.

© der Film- und Personenbilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb


Kulturtipp: Kinoorgel live am 17. Januar 2015 um 18:00

by cinemaclaco

Die Kunst der bewegten Bilder ist mittlerweile 120 Jahre alt. Grund genug, sich zu den Ursprüngen der Kinematographie zu begeben und die Magie seiner innovativen, poetischen, dokumentarischen und komischen Filmkunst zu feiern. Mehr als 20 Kurzfilme des europäischen Stummfilmkinos umfasst dieses exklusive Kinoorgel live-Programm. Neben Klassikern Perlen des frühen europäischen Stummfilmkinos wie „Babys Frühstück“ oder „Die Ankunft eines Zuges in La Ciotat“ von den Lumièrebrüdern werden auch weniger bekannte Perlen des Zelluloids von George Albert Smith („The Kiss In The Tunnel“, 1899), R. W. Paul („Extraordinary Cab Accident“, 1903), James Williamson („Stop Thief!“, 1901) oder „Niagara“ (Auguste und Louis Lumière, 1897) in diesem Programm projiziert.

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©  beim jeweiligen Studio/Vertrieb

Der amerikanische Stummfilmpionier D.W. Griffith war beunruhigt, wie schnell sich das Kino davon entfernt hatte, die Poesie des Alltags – etwa die Bewegung des Winds in den Zweigen der Bäume – zu filmen. Solche meditativen Momente wird man in diesem Programm dank des britischer Fotografen und Filmpioniers Birt Acres und seines Kurzfilms „Rough Sea At Dover“ von 1895 ansichtig. Die körnige Bildqualität sowie die nichtnarrativen, assoziativen und oftmals fragmentarischen Bilderfolgen des frühen Kinos, sein deftiger Humor z.B. in „Mary Jane’s Mishap; or, Don’t Fool with the Paraffin“ von George Albert Smith aus dem Jahr 1903 und nicht zuletzt die selbstreflexive Bestandsaufnahme der neuen Kunst als Spektakel der Schaulust z.B. in „The Countryman and the Cinematograph“ (R. W. Paul, 1901) machen den Reiz des frühen Stummfilmkinos und dieses Programms aus.

  1. Januar um 18:00 Uhr im Großen Vortragssaal des GRASSI-Museums, mit Einführungen, an der Welteorgel spielt Richard Siedhoff

TRAUMLAND: ausgeträumt

by cinemaclaco

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Am 24.12. trifft eine bulgarische Sexarbeiterin auf Menschen verschiedener sozialer Schichten und Religionen. Gut gespielter Debütfilm, der sich Schopenhauers Aussage: „Die Prostituierten sind die Opfer auf dem Altar der Monogamie.“ annimmt.

In Zürich fällt kein Schnee und auch sonst stellt sich weder in den Kammern mit kaltem LED-Licht noch in den dekorierten Stuben ein Weihnachtsgefühl ein. Petra Volpe hat den zeitlichen Rahmen ihres Debüts bewusst auf den 24. Dezember gelegt, jenem Tag, an dem bei den meisten Menschen die Erwartungen an sich selbst und andere hoch sind und die Nerven blank liegen. Das Zentrum des Episodenfilms bildet Mia, eine bulgarische Sexarbeiterin, die im Streetwork-Projekt OASE auf die Sozialarbeiterin Judith trifft. Diese geht öfters fremd, was ihren Ehemann Jonas, der seine intimen Wünsche eher beim Backen auslebt, aus dem gemeinsamen Musterhaus treibt. Neben Mia wohnt die spanische Witwe Maria, die sich in einem ehrenwerten Viertel wähnt und deren Katholizismus sich beim Begehen kleinerer Sünde als hilfreich erweißt. In der Nacht wird Mia von der schwangeren Lena aufgesucht, die verstehen will, warum ihr Mann fremdgeht. Die meisten Figuren tragen biblische Namen und verwechseln Sex mit Liebe. Volpe fängt das und diverse emotionale Belastungsproben gut ein: Da ist z.B. die Weihnachtstourismusfamilie von deren Mutter ein scharfes „Sag einfach mal gar nichts!“ zu vernehmen ist. Nicht alle Szenen sind so prägnant inszeniert; auch hören sich nicht alle Dialoge so lebensecht an. Judith Kaufmanns Kameraarbeit orientiert sich deutlich an Antonionis Beziehungsdrama „Rote Wüste“, doch die Montage untergräbt mit ihrer vorhersehbaren Anordnung der Handlungsstränge jeglichen Spannungsbogen. Letztlich lebt der Film von seinem Cast in dem Bettina Stucky, Luna Zimić Mijović, als auch Almodóvars Muse Marisa Paredes (Photo) brillieren. Stefan Kurt liefert eine Glanzleistung als Jonas. Devid Striesow als Lenas Gatte übt sich derweil darin variantenreich „Also bitte!“ oder „Oh, bitte“. zu sagen.

© beim jeweiligen Studio/Vertrieb


 

MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER: Grenzwertiger Humor

by cinemaclaco

Die Verneuils sind ein katholisches Paar, das in Frankreich und doch hinter dem Mond lebt. Dass ihre Töchter Männer anderer Religionen heiraten, stellt sie vor ungeahnte Herausforderungen. Unlustige Komödie mit Tendenz zur Lebenszeitverschwendung.

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Was passiert da nur im cinephilen Frankreich? Komödien, die Lokalpatriotismus thematisieren, sorgen seit einer Weile im Hexagone für Besucherrekorde. Willkommen bei den Sch’tis und Nichts zu verzollen wurden in Deutschland mit Versprechungen à la „20 Millionen Franzosen können sich nicht irren“ vermarktet. Immerhin 11 Millionen Zuschauer fand Monsieur Claude und seine Töchter bis Sommer 2014 jenseits des Rheins. Humor als Ausdruck des kulturellen Selbstverständnisses macht dann aber doch an der Landesgrenze halt. Die bemühte Komödie handelt von einem katholischen Ehepaar, das die Welt in Blau-Weiß-Rot sieht, De Gaulle nachtrauert und zu Charles Trenets La douce France angelt. Für die 4 Töchter (Typ: Spielerfrau, Model, Künstlerin und Karrierefrau) erhofft man nichts sehnlicher als eine standesgemäße Hochzeit in der Dorfkirche. Mit einem Katholiken selbstverständlich; aber wo die Liebe hinfällt … Nicht nur bei der Partnerwahl bedient der Film jedes plumpe kulturelle Klischee.

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Monsieur Claude hat natürlich seine feste Meinung zu Themen wie Beschneidung, asiatischer Küche und Integration. Alle reißen Witze über andere Völker, spielen Fremdes gegen Eigenes aus, und nein sind üüüberhaupt nicht rassistisch. Bei dem Weltbild verwundert es nicht, dass Nicolas Sarkozys bester Freund, der Asterix-Darsteller Christian Clavier (oberes Photo), dem Film als Patriarch vorsteht und auch nicht, dass er in einer Ästhetik gedreht ist, die an „c’est bon, Géramont“-heile-Welt-Käsewerbung erinnert, zudem ist Monsieur Claude und seine Töchter eine Aneinanderreihung von Zoten, schlechten Witzen und erwartbaren Standardsituationen. Ermüdend wird an fast jeden Satz „war ein Witz“, „so ein Spaß“ oder „das war ein Scherz“ gekoppelt.

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Das Publikum hat dabei jedoch wenig zu lachen und ihm bleibt nur ein Ausruf der Verwunderung, die dem französischen Originaltitel Qu’est-ce qu’on a fait au Bon Dieu? ähnelt. Was haben wir nur verbrochen, um solche Filme im Kino sehen zu müssen?

© der Bilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb