Birdman: Or (The Unexpected Virtue of Ignorance)

by cinemaclaco

Ein Schauspieler, der zwischen seiner berühmtesten Rolle und seiner Starpersona nicht mehr unterscheiden kann, ein anderer der Method Acting auf einem völlig neuem Niveau betreibt und zwei Kolleginnen vom Film, die am Broadway und von ihren Partnern ernst genommen werden wollen, treten in einem Stück auf.

Alejandro González Iñárritus Film wird von Reflexionen über die Verschränkung von Realität und Fiktion, über den Sinn und Zweck von Kunst oder „the sake of art“ und über das Bedürfnis für Andere relevant zu sein oder sogar von ihnen geliebt zu werden getragen. Zentral ist jedoch ein Themenkomplex, jener der Schauspielkunst. In vielen Sequenzen scheint nicht mehr auszumachen zu sein, ob die schauspielernden Schauspieler gerade spielen und sich in die Attitüden einer gespielten Figur zurückziehen oder ob sie improvisieren oder gar ‚vermeintlich’ wahrhaftig agieren. Im letzteren Fall wird ihnen innerdiegetisch für ihre „honest performance“ gedankt. Zwei Beispiele: Die Tochter des abgehalfterten Superstars (Emma Stone) und der Method Acting-Gefühlsklotz (Edward Norton) treffen sich auf dem Dach des Theaters und spielen Truth or Dare.
Sam: Why do you act like a dick all the time? Do you just do it to antagonize people?

Mike Shiner: Maybe.

Sam: You really don’t give a shit if people like you or not?

Mike Shiner: Not really.

Sam: That’s cool.

Mike Shiner: Is it? I don’t know.

Einer mise-en-abyme gleich ist die Szene zwischen den zwei oben erwähnten Schauspielerinnen (Andrea Riseborough und Naomi Watts) inszeniert, in der die Worte „You are beautiful and you’re talented and I am lucky to have you.“ in Sekundenschnelle korrumpiert und ihrer Bedeutung beraubt werden.

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An diese Vignetten schließt die Beobachtung der gängigen Verwechslung von Schauspieler und typegecasteter Rolle an, wenn etwa ein Schauspieler als „Hollywood Clown“ abgestempelt oder gefragt wird: „Who is this guy? He used to be Birdman.“

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Aus dem Ensemble von guten Charakterdarstellern sticht Emma Stone mit ihrer stimmigen Performance als Exjunkie heraus. Als Zuschauer spürt man, dass die Haut von Sam unablässig juckt. Beim Sprechen ist eine pelzige Zunge deutlich zu hören. Man sieht, dass ihre Figur des Lebens etwas überdrüssig ist oder ihr zu viel Energie abverlangt, die sie nicht aufzubringen vermag. Denn all das deuten ihr entschleunigter Gang und ihre schlaksige, um Haltung ringende, Körperhaltung an. Im Fall von Naomi Watts’ Rolle Lesley sind die selbstreferentiellen Hinweise auf die Filmografie der Schauspielerin interessant, sie darf in Birdman einen King Kong– und einen Mulholland Drive-Moment nachspielen.

Auf einer anderen Ebene und ebenfalls in mehreren Szenen wird das Eindringen der mediatisierten Welt in den ‚analogen Alltag’ verhandelt. Markant ist der Moment, in dem die Tochter und Assistentin ihrem Vater bescheinigt:
„I mean, who the fuck are you? You hate bloggers. You make fun of Twitter. You don’t even have a Facebook page. You’re the one who doesn’t exist. You’re doing this because you’re scared to death, like the rest of us, that you don’t matter. And you know what? You’re right. You don’t. It’s not important. You’re not important. Get used to it.“

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Aber auch jener gegen Ende des Films, wenn der Schauspieler (Michael Keaton), aus der Rolle fällt und dem Publikum entgegensetzt: „Don’t look through you cellphone screens – have a real experience.“

Unterhaltsam und entlarvend zugleich mutet nicht zuletzt Iñárritus Blick auf Hollywood an. Nachdem zu Beginn der Handlung ein schlechter Schauspieler wie von Schlag getroffen zu Boden sinkt und für ihn Ersatz gesucht wird, werden sämtliche Möglichkeiten einer Ersatzbesetzung durchgespielt und aus relativ ähnlichen Gründen verworfen. Es handelt sich also nicht um reines Name Droping, dass der Steigerung der Authentizität des eigenen Films gereichen soll, sondern um die Beschreibung eines Zustands der Traumfabrik Hollywoods, wo sich in immer neuen Prequels und Sequels gute Charakterdarsteller wie Woody Harrelson, Michael Fassbender, Robert Downey Jr. oder Jeremy Renner verheizen lassen.

Riggan: Just find me an actor. A good actor. Give me Woody Harrelson.

Jake: He’s doing the next Hunger Games.

Riggan: Michael Fassbender?

Jake: He’s doing the prequel to the X-Men prequel.

Riggan: How about Jeremy Renner?

Jake: Who?

Riggan: Jeremy Renner. He was nominated. He was the Hurt Locker guy.

Jake: Oh, okay. He’s an Avenger.

Riggan: F – k, they put him in a cape too?

Hollywood wird zudem an einer markanten Stelle des Films von Iñárritu als „cartons and pornography“ beschrieben, deren Stars sog. „global force“ sind.

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In diesem Hollywood-kritischen und recht zerebralen Film gibt es zwei besonders schöne oder anrührende Momente. Der eine wird von Michael Keaton getragen. Nach seinem Flug durch die Stadt kehrt Birdman auf den Boden der Tatsachen bzw. von einer Taxifahrt an den Broadway zurück. Keaton verdeutlicht beide Lesarten, indem er wie eine männliche Ballerina den Fuß ganz leicht, nahezu herabschwebend, auf dem Asphalt der Straße aufsetzt.

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Der zweite gehört Emma Stone, die aus einem Fenster blickt, nach oben schaut und ihre ohnehin schon großen Augen vor Staunen so riesig werden lässt, dass sich ein Abstand zwischen Lid und Retina auftut.

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