GESEHEN: Hail, Caesar!

von cinemaclaco

Das Kino ist weltweit durchdigitalisiert und gleichzeitig verschreiben sich immer mehr Regisseure einem nostalgischen Blick auf die Filmindustrie Hollywoods und inszenieren genüsslich und teilweise auch sehr akkurat den Prozess der Filmproduktion und der Filmrezeption; letzteres wird im Fachjargon zumeist als Kinosituation bezeichnet. Die Kinosituation ist ein Thema, welches auf eine sehr lange filmische Tradition zurückblicken kann. Unter „parodistischen Vorzeichen“ wird sie vermutlich zum ersten Mal in The Countryman and the Cinematograph (Robert W. Paul, Vereinigtes Königreich 1901) inszeniert. hail-caesar-quad

Ob im aktuell in europäischen Kinos laufenden Film  Hail, Caesar! (Coenbrüder, GB/USA 2016),  Martin Scorseses Hugo (USA 2011) (TC 39:26-40:51) oder im gefeierten The Artist (Michel Hazanavicius, Frankreich/Belgien 2011) (TC 2:15-5:30, 24:56-25:32, 45:30-47:07), in vielen Filmen ist eine Kinosituation Bestandteil der Filmhandlung. Die Liebe zum Film beinhaltet immer schon die Räumlichkeiten des Kinos, denn beides ist eng miteinander verbunden. Als Ausdruck von Cinephilie ist die Inszenierung der Kinosituation ein Kennzeichen der meisten Autorenfilme. So wird in den Filmen der Nouvelle Vague z.B. in Les Quatre Cents Coups (François Truffaut, Frankreich 1959) (TC 1:01:26) der Gang ins Kino thematisiert.

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Ab den siebziger Jahren, die einen Rückgang der Kinobesucherzahlen mit sich brachten, beschäftigten sich von der Nouvelle Vague beeinflusste, cinephile Regisseure, deren Liebe für den Film stets eine nostalgische Note hatte, wieder verstärkt mit dem Kino und seinem Publikum. Vermutlich durch den zeitgenössischen Zustand der Film- und Kinobranche angeregt, reflektierten diese Regisseure über die verlorene Kino- und Fankultur, indem sie die Kinosäle und die Praxis des Kinobesuchs vergangener Epochen oder jenen großstädtischer, akademisch sozialisierter Schichten detailverliebt in Szene setzten.

Beispiele hierfür sind einige der früheren Filme von Woody Allen, allen voran Annie Hall von 1977, v.a. aber The Purple Rose Of Cairo (USA 1985) (TC 5:07-10:31) aber auch Peter Bogdanovichs The Last Picture Show (USA 1971) oder Giuseppe Tornatores Nuovo Cinema Paradiso (Italien/Frankreich 1988) (TC 44:16-51:36).

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Diesen Filmen ist der nostalgische Blick gemein, der das ‚Zeitweh’ oder das Heimweh nach einem verlorenen Ort in der Kino- und Filmgeschichte, d.h. nach einer Zeit, die als unverfälscht galt, zum Ausdruck bringt. Die Coen-Brüder gehen dieses Unterfangen in Hail, Caesar! wesentlich gewitzter, als die meisten ihrer cinephilen Regisseurkollegen, an, indem sie aus dem Fundus der Filmproduktionen der Mayor Studios der 1950er Jahre, etwa einer vom Markt, dem Angebot und der Nachfrage diktierten Produktionsüberschuss für und von Bibel-und Sandalenfilme, Musicals, Western und Wasserballettfilme, aber auch aus der US-amerikanischen Zeitgeschichte, schöpfen und eine fiktive Geschichte zaubern, die dem who-is-who zeitgenössischer Vanity Fair Ausgaben entnommen zu sein scheint.

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Magisch und mit größtmöglicher Detailliebe zur zeitgenössischen Technik und Ästhetik sind innerhalb der Handlung v.a. die Momente des Filmdrehs inszeniert, etwa wenn Channing Tatum in bester Gene Kelly-Manier zu No Dames! singt, tanzt und steppt oder,

wenn Scarlett Johansson zum  Ballsirenenwalzer von Franz Lehár als Meeresgöttin und Schauspielerin DeeAnna Moran erscheint und einen Verschnitt aus der schwimmenden Esther Williams  mit der fluchenden Ava Gardner gibt, oder aber, wenn Josh Brolin den Trenchcoatkragen gegen den Regen aufschlägt und seine beste Humphery Bogart-Imitation innerhalb einer Reminiszenz an The Big Sleep (Howard Hawks, USA 1946) liefert.

Die Kinosituationen im selbstreflektiven Hail, Caesar! sind branchenbedingt – wie in vielen Filmen des Film-im-Filmkanons – keine herkömmlichen Kinobesuche. Zu sehen bekommen wir einige Screenings von daily rushes bei denen neben dem Produktionsleiter niemand oder nur eine weitere Person anwesend ist. Es handelt sich um eine Standardsinszenierung innerhalb derer geraucht, diskutiert und telefoniert wird, um dem gängigen Klischee vom betriebsamen Agieren der Studios zu entsprechen und der geläufigen Praxis des Kinobesuches in Teilen zu widersprechen. Ähnlich ist die Sequenz im Schneideraum angelegt: In ihr wird man sich Hollywoods größter Waffe – dem Continuity Editing – gewahr, wenn Material aus Laurence Laurentz‘ (Ralph Fiennes) elegantem Beziehungsdrama im Stil von Ernst Lubitschs oder Georg Cukors Filmen über den Schneidetisch flackert. Und natürlich haben die Coenbrüder erneut dem Familienmitglied Frances McDormand eine Paraderolle als Cutterin auf den Leib oder vielmehr ins zerknitterte Gesicht geschrieben.

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Die zweite Kinosituation ist innerhalb einer Sequenz verortet, welche die in Hollywood übliche und von den Studios arrangierte Datingpraxis unter Stars zum Thema hat und folglich die beiden Jungstars Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) und Carlotta Valdez (Veronica Osorio) bei einem Premierenbesuch in einem Filmpalast zeigt. Inwiefern eine derart pompöse Erstaufführung für so einen kleinen B-Western wie Lazy Old Moon tatsächlich den zeitgenössichen Aufführungspraxen entsprach, sei in dem Fall dahingestellt …

Hail, Caesar! ist nicht nur eine der Sternstunden des Kinos, vielmehr haben uns die Coenbrüder eine Vorlage und reichlich Material für die vergnüglichste cinephile Schnitzeljagd der Filmgeschichte geliefert – denn nicht nur die Rollen und Figuren sind in der Geschichte des Films verankert, sondern auch jeder noch so kleine Bühnenbau und jedes noch so unscheinbare Kostüm stehen im Zeichen einer langen Tradition – und ganz nebenbei haben Joel und Ethan Coen den umfangreichen Kanon der Filme, die die Liebe zum Film, Zelluloid und Kino zelebrieren, um einen weiteren sehenswerten Streifen bereichert.

Hail, Caesar! ist ab Donnerstag (18.02.2016) 16:00 Uhr in den Leipziger Passagekinos zu sehen. Die Synchronistaion des Films ist im Übrigen vorzüglich geraten! In der OmU-Version startet der Film im selben Kino am Freitag, dem 19. Februar um 23:00 Uhr.


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GESEHEN: cinematic world project N° 9

von cinemaclaco

Zum ersten Mal in diesem Jahr den Fernseher eingeschaltet und gleich einen sehenswerten Film gefunden: Auf arte lief dieser Tage Hanna K. (Costa-Gavras, Israel/Frankreich 1983). In den 1980er sorgte der Film vor allem deswegen für Aufsehen, weil er es, als eine der ersten größeren Produktionen, wagte eine neutralere Position im Israelkonflikt zu beziehen. Der Film löste mehrheitlich Debatten aus, wurde pauschalisierend als anti-israelisch eingestuft,  jedoch kaum gesehen.

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Mit kühlem Kopf und dank des jahrzehntelangen Abstandes kann man deutlich sehen, dass der Film, der vor dem Hintergrund der israelischen Besetzung Palästinas bzw. der Siedlungspolitik spielt, diese nur als Aufhänger nutzt und sich in erster Linie um ein Liebesviereck dreht.

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In einem Gerichtssaal treffen eine US-amerikanische Anwältin und Pflichtverteidigerin, ihr französischer, ziemlich unpolitischer Ehemann, ein verurteilter Palästinenser und ein israelischer Staatsanwalt aufeinander und haben nichts Besseres zu tun als dieses Liebesviereck in seinen möglichen heterosexuellen Konstellationen auszuloten.

Während die Handlung recht banal ist, schaut man dennoch gebahnt auf den Bildschirm. Und das hat zwei Gründe, zum einen wurde der Film 1983 on location in Israel gedreht, so dass man – ohne Sperranlagen – viel vom Land sehen kann. Zum anderen verpflichtete Costa-Gavras für die Hauptrollen bekannte und brillante Schauspieler wie Jill Clayburgh als Hanna K., Jean Yanne als ihren Ehemann und Gabriel Byrne als ihre Affäre. Als Ergänzung steht nun Hannas Reise (Julia von Heinz, Israel/Deutschland 2013) auf der Sichtungsliste.


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Kulturtipp: Oscarnacht im Wiener Gartenbaukino

von cinemaclaco

Alljährlich veranstaltet das am Parkring gelegene Wiener Gartenbaukino eine glamouröse Oscarnacht. Am Abend kann man zunächst die gewinnträchtigsten Filme sehen, ehe man gemeinschaftlich einem Public Screening der Liveübertragung via Pro7 beiwohnt. Der Eintritt zur Show selbst ist kostenlos. Mit einem Frühstück wird man bei Kräften gehalten und beim Quiz kann man seine cineastischen Kräfte mit den anderen Anwesenden messen. Im Idealfall gewinnt man ein Fahrrad oder aber eine Eintrittskarte zur ebenfalls im Gartenbaukino stattfindenden Viennale oder aber – wie in meinem Fall – Unmengen von Fehtaschentüchern.

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Reservierungen für die Filme der Oscar-Nacht werden ab sofort entgegen genommen.

T: (+ 43) 01 512 2354
M: kino(at)gartenbaukino.at
Web: Link zur Oscarnacht

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Wer Tickets für den letzten Film MAD MAX: FURY ROAD hat, darf seinen Platz im Anschluss an den Film für die Live-Übertragung behalten!

Freie Plätze werden nach Ende des Films aufgefüllt. Zählkarten (mit freier Platzwahl) gibt es am Sonntag, 28.2. ab 23:30 an der Kasse. 

Der Einlass für das Live-Programm beginnt um ca. 1:30.


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Nomen est Omen: Figurennamen in der Serie True Blood

von cinemaclaco

Immer noch im True-Blood-Universum (HBO, Alan Bell,  2008-2014) verweilend, fiel mir gestern Abend auf wie bildhaft sprechend die Familiennamen der Hauptprotagonistinnen und männlichen Charaktere sind.

Fangen wir mal mit der Hauptfigur, der telepathischen Kellnerin und guten Seele vom Dienst, Sookie Stackhouse an.  Sookie wird von Anna Paquin, zumeist in knappen T-Shirts und Push-ups gekleidet, gespielt. ‚To be stacked‘ heißt auf Deutsch ‚viel Holz vor der Hütte haben‘.

Sookies Bruder Jason Stackhouse ist von Ryan Kwanten als impulsiv agierender, leicht unterbelichteter Sonnyboy und Sportskanone angelegt. Sein gutes Aussehen, ein paar fehlende Synapsen und seine Aufgeschlossenheit bringen ihn immer wieder in ungemütliche Situationen und gereichen ihm im Endeffekt nur zum Nachteil. ‚To be stacked against someone‘ fasst die sich um Jason Stackhouse drehenden Handlungsknotenpunkte auf Deutsch ganz gut als ‚zu jemandes Nachteil gestaltet sein‘ zusammen.

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Die engste Freundin der beiden Geschwister ist Tara Thornton (Rutina Wesley). Wie bereits in der ersten Staffel der Serie erwähnt, trägt sie als Vornamen den Namen der bekanntesten Südstaatenplantage der Filmgeschichte, denn sie ist nach Tara, dem Sehnsuchtsort von Scarlett O’Hara, im Filmklassiker Vom Winde verweht benannt. Tara ist der Besitz einer Plantage nicht vergönnt, im Gegenteil, wenn es einen unbehausten Protagonisten in der Serie gibt, so ist das Ms. Thornton. Tara zieht in der ersten Staffel von zuhause aus und in einem billigen Motel ein. In der Folge übernachtet sie abwechselnd bei ihrem Cousin Lafayette oder in der Villa von zwielichtigen Gestalten, ehe sie von Sams Trailer in Sookies Gästezimmer umsiedelt. Der Familienname Thornton weist eine interessante Etymologie auf: This interesting surname is of Olde English and occasionally Scottish, pre 7th century origins. It is locational and northern, being from any of the several places called Thornton in counties of Lancashire, Lincolnshire and Yorkshire, or from the lands of Thornton in the Mearns, Scotland. Wherever found the name derives from the words „thorn“ meaning a thorn bush or hedge, and „tun“, an enclosure or settlement. In this case the word „thorn“ is believed to have defensive implications, thorn hedges being deliberately grown around fortified positions both to keep would be raiders out, and the owners cattle in. Locational names were frequently given to the local lord of the manor, as in the first recording below, but more usually were „from“ names. That is to say names given to people after they left their original homes, to move elsewhere. (Read more: http://www.surnamedb.com/Surname/Thornton#ixzz3zW46J6Qs)

Eric Northman rangiert in den Tara gewidmeten Erzählsträngen wahlweise als Erzfeind auf Platz Nummer 1 oder ist zumindest Nemesis Nummer 2. Eric ist ein 1000 Jahre alter Wikinger und Besitzer von Fangtasia, dem angesagtesten Vampirclub in der Nachbarstadt. Mr. Northman wird in der Serie vom hühnenhaften, 1m94 großen, durchtrainierten Schauspieler (Alexander Skarsgård) auf Schwedisch und Englisch gespielt. Als Mann den Nordes, so erfährt man, dank der guten Nase von Sookie Stackhouse in der 4. Staffel, umspielt ihn wohl auch immer (noch) der salzige Geruch der Ostsee.

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Einen der weitverzweigtesten Familienstammbäume hat die in Bon Temps alteingesessene Familie Bellefleur vorzuweisen. Die Bellefleurs sind von Beruf Anwälte (Porta Bellefleur), Sheriffs (Andy Bellefleur) oder ehemalige Soldaten mit Posttraumatischem Stresssyndrom (Terry Bellefleur). Das Wort Bellefleur stammt aus dem Altfranzösischem und bedeutet schöne Blume: belle ‘lovely, schön’ + flor, flour ‘flower, Blume’, und sei „possibly applied ironically as a soldier’s nickname.“ (http://www.ancestry.com)

Dreh- und Angelpunkt der Handlung bzw. Austragungsort der meisten Konflikte ist Sams Bar. Im Merlotte’s trifft ganz Bon Temps zusammen. Dort kellnern Sookie Stackhouse, die esoterisch veranlagte Arlene Fowler (Carrie Preston, unteres Foto) und die sich nicht mehr ‚von’/’by‘ ‚Schinken’/’ham‘ ernährende Vampirin Jessica Hamby (Deborah Ann Woll). Der Diner lebt von Lafayette Reynolds guter Küche.

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Die von Nelsan Ellis (unteres Foto) gespielte Figur ist zentral für die meisten Handlungsstränge; ihre Wichtigkeit wird durch den Fakt unterstrichen, dass sie nach einer Stadt in der Region: Lafayette, Louisiana benannt ist. Am Herd der Grillbar ist ebenfalls der Kriegsheimkehrer Terry Bellefleur (Todd Lowe, oberes Foto), meist manisch blickend, anzutreffen. Hinter dem Tresen stehen abwechselnd Sam oder Tara. Merlot wird im Diner von Sam Merlotte (Sam Trammell) in deutlich geringeren Mengen ausgeschenkt als etwa Eistee, Tequilla oder Bier.

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Der Familienname Merlotte stammt aus dem Mittelfranzösischen und kann auf ‚merle‘ also ‚Amsel‘ zurückgeführt werden. Dies ist für Sam Merlotte ein passender Name, zumal er sich, als Gestaltenwandler, von seinem menschlichen Äußeren in jedes x-beliebige Lebewesen hineinversetzen kann. Zumeist steht am Ende der Transformation ein Hund mit traurigem Dackelblick, gelegentlich nimmt Sam aber auch die äußere Form eines Pferdes, eines Hasen oder, wenn schon nicht einer Amsel, so doch eines nachtaktiven Vogels an.

Abschließend sei noch gesagt, dass einige der erwähnten Familiennamen in der Region von Louisiana tatsächlich verbreitet sind.


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Kulturtipp: And the Oscar Goes To …

von cinemaclaco

Der Academy Award, besser bekannt unter seinem Spitznamen Oscar, ist ein Filmpreis, der alljährlich von der US-amerikanischen Academy of Motion Picture Arts and Sciences für die besten Filme des Vorjahres verliehen wird. So weit so trocken und so gut. Und dennoch … Alle Jahre wieder, zerbrechen wir uns den Kopf wer den Oscar bekommen wird und wer ihn, in einer gerechteren Welt, in der v.a. die Academy etwas von Filmkunst verstünde, eigentlich gewinnen müsste.

Am 26.2. gehen wir ab 20:15 Uhr in der Leipziger Programmvideothek memento. den Dynamiken der Oscars auf dem Grund. Im bebilderten Vortrag wird nicht nur auf die Geschichte der Academy eingegangen werden, sondern auch ihre Vorlieben, Skandale und Fehlentscheidungen diskutiert werden.

Eintritt für den Vortrag und das gemeinsame Orakeln mit Gewinnchance: 3 €


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Guilty Pleasure # 6: True Blood

 

von cinemaclaco

Die Serie hat den Aufbruch der Vampire in die amerikanische Gesellschaft und die Koexistenz mit den Menschen zum Thema. True Blood spielt in einer kleinen fiktiven Stadt in Louisiana und zeigt Parallelen zur Emanzipation Homosexueller und den Umgang mit der schwarzen Bevölkerung in den reaktionären Südstaaten der USA. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen Sookie Stackhouse, einer mit telepathischen Fähigkeiten ausgestatteten, von Grund auf guten jungen Frau, und dem Vampir Bill Compton. (Wikipedia)

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Wie kommt es eigentlich, dass Serien immer dann besonders attraktiv sind, wenn man eigentlich so viel anderes um die Ohren hat? Der Ohrwurm der Woche # 14 1/2 steht somit fest: Bad Things von Jace Everett.

Mir hat es seit Jahresbeginn die HBO-Serie TRUE BLOOD (Alan Bell, USA 2008-2014) angetan. Eigentlich wollte ich sie schon vor Jahren ansehen, nachdem ich eine Hausarbeit über das Fremde und das Eigene in True Blood korrigiert hatte. Nun hat mich diese Rezension, über ein Buch zu True Blood von der ehemaligen taz-Filmredakteurin Cristina Nord, erneut an mein Vorhaben erinnert. Nun ja, Cristina Nords Interpretationsansatz scheint sehr spannend, jedoch greifen, bereits bei der Sichtung der Staffel 1 – 3, die Verweise auf die LGBT-Community viel zu kurz und sind, bis auf die in der Kritik erwähnten Beispiele, weder stimmig noch wirklich schlüssig. Mehr noch, der Ansatz mutet sogar, um mit Umberto Eco zu sprechen, etwas überinterpretiert an. Dennoch werde ich mir das Büchlein besorgen und es auch lesen.

Dass TV-Trash auch spaßig sein kann, verdeutlicht die Serie viel eindrücklicher. Denn im Endeffekt ist True Blood nichts anderes als das Recyclingprodukt von anderen erfolgreichen bzw. verhältnismäßig lang laufenden Serien.  True Blood  wirbelt die Ingredienzien von The Walking Dead, True Detective, Game of Thrones, Gilmore Girls durcheinander und mischt sie genüsslich mit verschiedenen Vampirkinofilmen (allen voran der Twilight-Saga).

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Das macht Spaß – und, dennoch, man muss schon warm werden mit den Rednecks, kuriosen Gestalten und Südstaaten-Hinterwäldlern von Bon Temps (wortwörtliche Übersetzung aus dem Französisch für „gute Zeit“). Wenn man aber aufgehört hat, sich an den enervierenden Charakterdeformationen der Stackhouse-Geschwister zu stören, hat man eine „gute Zeit“, v.a. in der humorvolleren 3. Staffel.

Nachtrag zur 4. Staffel:

In dieser Staffel werden verschiedenste, bereits aus der 2. Staffel vertraute, Plotelemente auf vergnügliche Weise wiederholt. Erneut erwächst sowohl den nachtaktiven als auch den am Tag lebenden, bzw. in den Tag hinein lebenden, Bewohnern von Bon Temps eine Gefahr durch eine übernatürliche Macht. Erneut übernimmt jemand eine Patenschaft über einen sich wie einen Teenager gebärdenden Erwachsenen. Erneut wird jemand gefangen genommen und seinem Schicksal überlassen. Erneut korrelieren die privaten Interessen mit dem was für das Gemeinwohl wichtiger ist. Erneut werden Freundschaften durch verschiedene Allianzen auf’s Spiel gesetzt. Und erneut wäre es allerhöchste Zeit, dass ein Psychiater in Bon Temps seine Zelte aufschlüge und sich der an Posttraumatischem Stress, Schizophrenie, Nymphomanie, Oniomanie und Kleptomanie Leidenden annähme. Kurz: Der Verhaltensleitsatz der Einwohner von Bon Temps ist recht simpel und heißt auch in dieser Staffel  lediglich „der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Bei allen vertrauten Elementen bietet die 4. Staffel m.E. die bisher beste Unterhaltung. Schauspielerisch wissen v.a. Alexander Skarsgård als Vampir mit Amnesie, Sam Trammell als Skinshifter und Nelsan Ellis als von allen guten Geistern verlassener Lafayette Reynolds zu überzeugen. To be continued or stay tuned!

Nachtrag zur 5. Staffel:

Innerhalb von einem halben Duzend Episoden entwickelte sich die Serie in eine seltsame, merklich befremdliche Richtung. Zum Beispiel werden Handlungsstränge immer wieder neu aufgerollt, einem wenig kreativen Recyclingverfahen unterworfen oder in extrem unglaubwürdige Kapriolen verwickelt. Das übernatürliche Figurenarsenal umfasst mittlerweile Feen, Werwölfe, Vampire, Hexen, Haut – und Gestaltenwandler sowie Nachkommen von Rosemarie’s Baby und wird daher immer unübersichtlicher. Weniger, um Michael Cain ins Spiel zu bringen, wäre auch hier mehr. Den Drehbüchern ist zudem anzumerken, dass die Stars der Serie vom ihrem Mitspracherecht bzw. dem Pitchen kurioser Ideen weidlich Gebrauch machen. Triefte bereits die 4. Staffel vor Kitsch, Voodoo und Blödsinn, so wird es in der 5. Staffel völlig unmöglich die Episoden in einem Stück, ohne unwillige Stoßseufzer und v.a. ohne die Betätigung der fast forward-Taste zu sehen. To be continued?


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