MEMENTO MORI 32

von cinemaclaco

RIDLEY SCOTT

* 30.11.1937 in South Shields, England

Scott strebte ähnlich wie sein, mittlerweile verstorbener, Bruder Tony Scott schon früh eine künstlerische Laufbahn an. Nach einem Studium an einer Kunsthochschule schrieb er sich am Royal College of Art in London ein. Der Legende nach soll er dort eine 16-mm Kamera gefunden haben, mit der er seinen ersten Kurzfilm drehte. Nachdem er für die BBC gearbeitet hatte, betrieb er zusammen mit seinem Bruder eine erfolgreiche Agentur für Werbefilme, die ihm „ein Film-Studium“ ersetzten. Von Stanley Kubricks BARRY LINDON beeinflusst, drehte er sein Debüt DIE DUELLISTEN, der in Fachkreisen Bewunderung erregte. Nachdem Scott noch 1977 den Science-Fictionstoff ALIEN abgelehnt hatte, drehte er zwei Jahre später ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT. Der Film wurde sein künstlerischer Durchbruch und ermöglichte ihm die Verfilmung von BLADE RUNNER. Von diesem, seinem erfolgreichsten, Film existiert seit 2007 ein Director’s Cut und ist aktuell eine Fortsetzung namens BLADE RUNNER 2049 durch den versierten kanadischen Regisseur Denis Villeneuve in Planung, welche Scott produziert.

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Scotts Einzug ins populäre Actionkino gelang ihm 1989 mit BLACK RAIN. Mit THELMA UND LOUISE schuf Scott in Form einer Tragikkomödie den feministischen Kultfilm der 1990er Jahre.  Nach einigen Pleiten feierte er erneut weltweiten Erfolg mit GLADIATOR und dreht seitdem am liebsten mit Russell Crowe; auch seinen Wurzeln im technisch hochgerüsteten Sci-Fi blieb er mit PROMETHEUS und dem sehenswerten THE MARTIAN treu. Scott scheint im sonnigen Hollywood das heimische Wetter der britischen Insel zu vermissen, denn in jeden Film integriert er eine Regen- oder Wasserszene.

Filmempfehlung: BLADE RUNNER (Ridley Scott, USA/Hongkong/GB 1982)


© der Film- und Personenbilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb und für das Coverfoto bei Arne Reimer

GESEHEN: cinematic world project N° 16

von cinemaclaco

Zurück zum cinematic world project: In FORUSHANDE – THE SALESMAN (Asghar Farhadi, Iran/Frankreich 2016) untersucht der Regisseur erneut die komplexen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Ebenso wie in seinem oscarprämierten Drama NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG und in LE PASSÉ – DIE VERGANGENHEIT befasst sich auch der neue Film nahezu seismographisch mit den Verschiebungen der Verhältnisse innerhalb einer Paarbeziehung. Bereits die ersten Bilder des neuen Films verweisen emblematisch auf einige der Themen von Asghar Farhadis neunter Regiearbeit. Zu sehen sind neonfarben ausgeleuchtete Betten, Hausrat und Möbel, die erst nach und nach als Theaterkulissen erkennbar werden. Ein Akkordeon schwillt an und wird von einem düster klingendem Chor begleitet. Nach einer Abblende (das bevorzugte Mittel zur Strukturierung von Raum und Zeit in diesem Film), fühlt sich der Zuschauer etwas desorientiert, findet er sich doch in tristen Iran der Gegenwart wieder. Eine Hausgemeinschaft flieht aus einem einstützenden Haus; unter ihnen ist das Ehepaar Rana und Emad. Sie sind die Hauptfiguren des Films FORUSHANDE – THE SALESMAN.

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Diese Ausgangssituation gibt den Figuren die Möglichkeit sich kritisch über den Wohnungsmarkt und die Hässlichkeit der zubetonierten Stadt Teheran zu äußern. Gleichzeitig sorgt die Exposition dafür, dass Rana und Emad den sicheren Ort ihrer Ehe verlassen müssen und in eine neue Bleibe übersiedeln müssen, welche zur Schaubühne des gemeinsamen Scheiterns als Paar wird. In dieser neuen Wohnung wird Rana Opfer eines gewalttätigen Überfalls. Im Zusammenhang mit dem Regisseur Asghar Farhadi werden immer wieder Vergleiche mit dem Master of Suspence Alfred Hitchcock gezogen. Diese sind, wenn es um die Inszenierung von Spannung geht, letztlich irreführend. Im Hitchcockuniversum, das hauptsächlich aus Thrillern besteht, haben wir als Zuschauer immer einen Wissensvorsprung. Daraus entsteht Suspense. In FORUSHANDE wissen wir nie mehr als Rana und Emad. Und da sich das Paar nicht wirklich über den Überfall austauscht, erzählen einzelne Objekte wie ein Stapel Geld, Blut auf dem Badezimmerboden und eine zerlöcherte Socke, die neben dem Bett liegt mehr als das, was die Ellipse ausspart. Der Film konzentriert sich dann auch weniger darauf was sich in der Nacht zugetragen hat, sondern darauf was der Übergriff aus dem Paar macht. Rana will vergessen. Emad will den Täter finden, öffentlich bloßstellen und bestrafen. Anders als in Hitchcockfilmen in denen die Erwartungshaltungen des Publikums zuverlässig erfüllt werden, überrascht das von Farhadi geschriebene Drehbuch mit immer neuen Wendungen.

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Zu Beginn des Films ist es das Fundament, welches ein Haus nicht mehr trägt. Zum Ende des Films hält das Fundament einer Ehe nicht mehr stand. Visuell wird die Entfremdung des Paares in der Kadrierung, der Verschiebung des Fokus‘ und in der Arbeit mit Spiegeln und zerbrochenem Glas, aber auch den Entzug von Farbe im Dekor und den Kostümen verdeutlicht. Eine zweite Ebene gewinnt der Film durch den Umstand, dass Rana und Emad als Schauspieler Arthur Millers Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ proben und aufführen. Dieser Text wird genutzt, um einen Resonanzraum für die Spannungen zwischen dem Paar und ihrem Umfeld zu schaffen. Der Regisseur, der Theaterwissenschaften studiert hat, entschied sich für dieses dem Film seinen Titel gebendes Stück, weil es nicht nur menschliche Dramen verhandelt, sondern auch den Kollaps einer sozialen Schicht an einem bestimmten Punkt in der Zeitgeschichte. Zudem empfindet der iranische Regisseur Ähnlichkeiten zwischen dem von Arthur Miller beschriebenen New York und der Hauptstadt seines Heimatlandes.

Der Film ist intelligentes Kino aus dem Iran. Seinen Bundesstart hat FORUSHANDE – THE SALESMAN am 02. Februar 2017,  der Film ist ebenfalls für den Oscar als Bester nicht-englischsprachiger Film nominiert.


© der Bilder beim jeweiligen Studio/Vertrieb

MEMENTO MORI 31

von cinemaclaco

TERRY GILLIAM

* 22.11.1940 in Medicine Lake, Minnesota, USA

Terry Gilliam studierte Politikwissenschaften am Occidental College bei Los Angeles. Seine Laufbahn startete er 1962 als Zeichner eines Satire-Magazines, wo er John Cleese kennenlernte, der ihm eine Stelle bei der BBC vermittelte. Dort traf er weitere Komiker, mit denen Cleese und er die Gruppe Monty Python gründeten. Hier war Gilliam anfangs als Autor und Regisseur, später auch als Schauspieler tätig. Außerdem war er für die skurrilen Trickfilme der Truppe verantwortlich. Nachdem er zusammen mit den Pythons deren größten Erfolg DAS LEBEN DES BRIAN in die Kinos gebracht hatte, begann er sich um seine eigene Regiekarriere zu kümmern. 1981 erschien die Komödie TIME BANDITS und 1985 BRAZIL, der ihn als eigenständigen Filmemacher etablierte. Nachdem MÜNCHHAUSEN an den Kinokassen erfolglos geblieben war, nahm Gilliam in den 1990ern mehrere Auftragsarbeiten an: Zunächst 1991 DER KÖNIG DER FISCHER, dann 1995 seinen größten Erfolg 12 MONKEYS.

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1998 folgte dann FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS der zwar deutlich unter dem kommerziellen Erfolg der beiden Vorgängerfilme blieb, aber dennoch Kultstatus erlangte. 2005 vollendete Gilliam gleich zwei Filme: BROTHERS GRIMM und TIDELAND. In DAS KABINETT DES DOKTOR PARNASSUS ist Heath Ledger in seiner letzten Rolle zu sehen. Seine Filme sind von einer autarken Handschrift durchdrungen, sodass für die Bildsprache und das Universum dieser Filme nur ein Wort passend ist und zwar das von ihm selbst geprägte „Gilliamesque„.

Filmempfehlung: BRAZIL (Terry Gilliam, Großbritannien 1985)


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MEMENTO MORI 30

von cinemaclaco

Henri-Georges Clouzot

(20.11.1907 – 12.1.1977)

Clouzot sollte auf Wunsch seiner Familie eigentlich zur Marine gehen. Seine starke Kurzsichtigkeit durchkreuzte jedoch die Pläne seiner Eltern. Nach einem Jurastudium verdingte sich Clouzot als Journalist bis ihm während eines Interviews eine Arbeit als Cutter angeboten wurde, die er annahm. Clouzot arbeitete als Regieassistent und drehte bald in Neu-Babelsberg die französischen Versionen deutscher Filme, da Synchronfassungen zu dieser Zeit noch unüblich waren. In den 50er Jahren wurde der „französische HITCHCOCK“ weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Mit LOHN DER ANGST, DIE TEUFLISCHEN und PICASSO feierte er seine größten Erfolge. Wie ALFRED HITCHCOCK drehte er am Liebsten Thriller und verfilmte mit Vorliebe Kriminalromane. Beide kamen sich gelegentlich mit ihren Projekten in die Quere.

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Clouzot erlitt während der Dreharbeiten zu der Proust-Verfilmung DIE HÖLLE einen Herzinfarkt und verstarb, ohne den Filme (mit Romy Schneider) beendet zu haben. CLAUDE CHABROL verfilmte das Drehbuch später unter dem gleichen Titel. 2009 rekonstruierte der Filmsammler Serge Bromberg Clouzots unvollendeten Film in einem sehr sehenswerten Dokumentarfilm.

Filmempfehlung: DIE TEUFLISCHEN (Henri-Georges Clouzot, Frankreich 1955)


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GETEILT: THE KEY TO RESERVA

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THE KEY TO RESERVA zititiert Alfred Hitchcock und ist nicht nur deswegen nachwievor einer unserer Lieblingsscorseses zusammen mit ALICE DOSN’T LIVE HERE ANYMORE, HUGO CABRET und IL MIO VIAGGIO IN ITALIA. Der Meister feiert heute seinen Geburtstag und wir freuen uns schon auf seine neuen Filme u.a. ein Biopic über Frank Sinatra und eine längst überfällige Zusammenarbeit mit Al Pacino und Robert de Niro in THE IRISHMAN (2018). Happy Birthday, Mr. Scorsese!


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Journées du cinéma français à Leipzig

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Der Vorteil einer Visite der Filmfestspiele von Cannes oder eines Urlaubs in Paris (erneute Vorschau auf kommende Attraktionen) ist es, dass man gute frankophone Produktionen weit vor den Französischen Filmtagen Leipzig sichten und beurteilen kann.

Hier sind die Einschätzungen des diesjährigen Filmprogramms:

Mein absoluter Favorit ist LES CHÂTEAUX DE SABLE von Olivier Jahan; der Film ist die stimmigste Zusammenarbeit von Regie, Drehbuch, Setdesign, Schauspiel und Filmmusik, die ich seit Langem gesehen habe. Außerdem beweist Jahan, dass man bewegende Liebesfilme drehen kann, ohne dafür die Schubladen des Pathos oder der banalen Komik öffnen zu müssen.

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Auf allen Ebenen enttäuschend  ist Xavier Dolans JUSTE LA FIN DU MONDE. Große Namen, tolle Sets und Kostüme liefert Dolan auch in dieser mit dem Großem Preis in Cannes unverständlicherweise prämierten, überlangen, sentimentalen und unkinematographischen Theaterstückadaptation.

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Marion Cotillard ist zweifelsohne eine der versiertesten Schauspielerinnen ihrer Generation. In MAL DE PIERRES, Nicole Garcias Verfilmung von Milena Agus gleichnamigen Roman, beweist sie erneut ihr großes Können im subtilen und bewegenden Portrait von Gabrielle, einer Frau, die bedingungslos ihren Leidenschaften folgt. Eine absolute schauspielerische Entdeckung ist zudem der Schauspieler Alex Brendemühl. Mais attention: Préparez vos mouchoirs!

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Olivier Assayas‘ hybrider Film PERSONAL SHOPPER spaltet seit Cannes das Publikum. Was bei jedem asiatischen, romantischen Geisterfilm kommentarlos akzeptiert wird, verstörte hier Teile der Zuschauerschaft.  Assayas‘ Film lebt von seinen Schauspielern, weckt aber auch Konsumneid in punkto unbeschwerlichen Reisens und Luxusshoppens, die Story ist frisch und v.a. den Soundtrack sehr ungewöhnlich und daher passend. Einzige Mankos: die Abfilmung der Kommunikation via SMS, die Besetzung von Lars Eidinger und manche Längen im Skript. Aber die werden von einer fantastischen Kristen Stewart, Paris und einem gewohnt sinistren Benjamin Biolay wettgemacht.

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Ebenfalls im Zentrum und in der Oberschicht Paris‘ angesiedelt, ist Paul Verhoevens gelungene Literaturverfilmung von Philippe Djians Oh…! In diesem Thriller geht es weniger um das Whoduit als um die phänomenale Leinwandpräsenz von Isabelle Huppert, welche als Michèle, eine der stärksten Frauenfiguren dieses Kinosjahrs geschaffen hat. ELLE geht im Rennen um den Oscar für den Besten ausländischen Film für Frankreich an den Start; in Deutschland startet der Film erst kurz vor den Oscars.

Gleichfalls für die Oscars nominiert, ist Claude Barras melancholischer Animationsfilm MA VIE DE COURGETTE. Anders als die Technik und das Sujet des Films vermuten lassen, handelt es sich um keinen Kinder-und Jugendfilm, sondern vielmehr um einen Stop-Motion-Film für – wie man so schön sagt – die ganze Familie.

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Aus den Rahmenprogrammen sind die WERKSCHAU DARDENNE, der Queerblick THÉO ET HUGO und folgende Filme sehenswert: CONFIDENCES TROP INTIMES, KIRIKOU ET LA SORCIÈRE, LE GOÛT DES MERVEILLES, PARIS NOUS APPARTIENT, BELLE ET SÉBASTIEN und DEMAIN.

Was auch immer ihr seht, wir sehen uns im Kino. Et je vous souhaite „bon cinéma.“


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Veranstaltungstipp für den 9. November

von cinemaclaco

Morgen zeigt die Leipziger Passage ab 16:30 Uhr im Rahmen von euro-scene Leipzig Luchino Viscontis »Lo straniero« (»Der Fremde«). Der Film wird von Dr. Martina Bako, ihres Zeichens Theaterwissenschaftlerin an der Universität Leipzig, eingeführt, in 35 mm projiziert und den Kinogängern darüber hinaus sogar geschenkt, d.h. diese spezielle Vorführung findet bei freiem Eintritt statt.

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PS: Der Albert Camus-Nachmittag ist dank des Projektbüros Mark Tykwer in Wuppertal überhaupt nur möglich geworden, denn in dessen Besitz befindet sich eine der letzten 35mm-Kopien der deutsch-synchronisierten Fassung.


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